Hanseatic Water Process – wenn deutsche Ingenieurskunst auf Kaffeehandwerk trifft
Wie eine historische Hafenstadt Europas innovativste Wasser-Entkoffeinierung hervorgebracht hat
Ein neues Kapitel in einer alten Geschichte
Bremen, Deutschland. Eine Stadt mit über 1.200 Jahren Handelstradition. Seit Jahrhunderten legen hier Schiffe an – beladen mit Waren aus aller Welt: Gewürze aus Indien, Tee aus China und natürlich Kaffee aus Afrika und Südamerika.
Genau in diesem Hafenquartier, umgeben von alten Speichern und der salzigen Luft der Nordsee, entstand 2015 etwas Neues: eine der modernsten Anlagen zur Entkoffeinierung von Kaffee weltweit.
Der Hanseatic Water Process ist nicht einfach „noch eine Methode“. Er ist das Ergebnis daraus, wenn wasserbasierte Entkoffeinierung auf deutsche Präzision und den Qualitätsanspruch von Spezialitätenkaffee trifft. Die Grundidee – Koffein mithilfe von Wasser und Aktivkohle zu entfernen, ganz ohne chemische Lösungsmittel – ist bekannt. Hanseatic hat sie jedoch so feinjustiert, wie man es in Deutschland eben macht: Variablen messen, Prozesse optimieren, Qualität absichern.
Wenn der Swiss Water Process als etablierter Goldstandard gilt, dann ist Hanseatic die ehrgeizige Weiterentwicklung, die vom Meister gelernt hat – und dann gefragt hat: „Was wäre, wenn wir es noch besser machen?“
Der Bremen-Vorteil
Im Kaffee zählt Standort mehr, als viele denken.
Über Jahrzehnte hatten europäische Röstereien ein logistisches Problem: Wer wasserprozessierten Decaf wollte, musste Rohkaffee oft über den Atlantik zu Anlagen in Kanada oder den USA schicken (Swiss Water) – und anschließend wieder zurück nach Europa. Tausende Seemeilen hin und her.
Mehr Strecke bedeutet mehr Zeit. Mehr Zeit bedeutet: Bohnen liegen länger im Container, reifen ungewollt nach, verlieren Stück für Stück an Lebendigkeit. Jede Woche zwischen Ernte und Röstung kostet Aroma.
Dazu kommen höhere Kosten und ein größerer CO₂-Fußabdruck.
Mit der Eröffnung der Hanseatic-Anlage in Bremen änderte sich diese Gleichung für europäische Spezialitätenröster. Plötzlich konnten sie Rohkaffee einige hundert Kilometer statt halb um die Welt bewegen. Entkoffeinierung und Rücklieferung waren in Tagen möglich – nicht in Wochen.
Aber Hanseatic wollte nicht einfach „Swiss Water – nur näher“. Das Team wollte innovieren. Sie analysierten alles, was man über wasserbasierte Entkoffeinierung weiß, und brachten dann Engineering-Kompetenz ins Spiel, um jede Stellschraube zu optimieren.
Die Kerninnovation: dynamisches Temperaturprofil
Auf den ersten Blick wirken Hanseatic und Swiss Water ähnlich:
- beide arbeiten mit Wasser
- beide nutzen selektive Extraktion
- beide setzen Aktivkohlefilter ein
- beide sind chemiefrei (ohne Lösungsmittel)
Der entscheidende Unterschied liegt in der Temperaturführung:
Statt während der gesamten Extraktion eine konstante Temperatur zu halten, nutzt Hanseatic „dynamic temperature profiling“ – also ein dynamisches Temperaturprofil.
Warum ist das so wichtig?
Unterschiedliche Moleküle „mögen“ unterschiedliche Temperaturen. Manche lösen sich schon bei niedrigeren Temperaturen gut, andere brauchen mehr Energie. Wie Zucker: Er löst sich in kaltem Wasser – aber in heißem deutlich schneller.
Koffein ist relativ unkompliziert: Es löst sich über mehrere Temperaturbereiche gut. Viele feine Aromakomponenten hingegen sind empfindlicher. Zu viel Hitze, zu lange – und sie bauen ab oder verlieren an Ausdruck.
Hanseatic nutzt genau diese Unterschiede:
- Start bei niedrigerer Temperatur (z. B. um 85 °C), um empfindliche Aromen zu schützen. Koffein löst sich trotzdem – nur etwas langsamer.
- Schrittweise Erhöhung, sobald das „leicht verfügbare“ Koffein weitgehend entfernt ist.
- Finale Phase kurz bei etwa 92–93 °C, um auch die letzten, hartnäckigen Koffeinmoleküle zu lösen – ohne die sensiblen Aromastoffe unnötig lange zu belasten.
Man kann es mit einem perfekten Steak vergleichen: Du brätst nicht die ganze Zeit auf Maximalhitze. Du arbeitest kontrolliert – erst sanft, dann gezielt zum Finish. Das Ergebnis ist schlicht besser als „eine Temperatur für alles“.
Präzision ist das eigentliche Problem – und die eigentliche Stärke
Variable Temperaturen klingen einfach. In der Realität sind sie schwer zu kontrollieren.
Eine konstante Temperatur zu halten ist relativ straightforward. Ein dynamisches Profil über sechs bis acht Stunden, bei dem jede Bohne in jeder Zone exakt die richtige Temperatur zur richtigen Zeit erlebt, erfordert echte Prozess- und Regelungstechnik.
Hier kommt die deutsche Ingenieurslogik ins Spiel:
- Sensorik an mehreren Messpunkten (nicht nur „Wasser ist warm“, sondern Temperaturen im System, am Ein- und Auslass, in Behältern, nahe den Bohnen und in unterschiedlichen Tiefen)
- Kontrollsysteme, die Heizelemente permanent nachjustieren – auf bis zu 0,5 °C genau
- Batch-Tracking, das Parameter anpasst: Dichte, Herkunft, Struktur, sogar saisonale Luftfeuchtigkeit
Das ist Prozesskontrolle, wie man sie eher aus Pharma oder Luftfahrt kennt – nur eben angewandt auf Decaf Kaffee.
Optimierte Zirkulation: Turbulenz, aber mit Fingerspitzengefühl
Temperaturprofiling ist nur ein Teil. Hanseatic hat auch die Wasserführung neu gedacht.
Klassische Wasserprozesse arbeiten mit eher gleichmäßigen Flussprofilen. Hanseatic setzt auf „optimized turbulent flow“ – kontrollierte Turbulenz im Extraktionsbehälter.
Warum?
Weil Bewegung die Extraktion effizienter macht. Wie beim Umrühren von Tee: Ohne Bewegung löst sich Zucker langsam; mit Bewegung deutlich schneller. Turbulenz bringt ständig „frisches“ Wasser an die Bohnenoberfläche, hält den Konzentrationsunterschied hoch und treibt so die Koffeinabgabe an.
Die Herausforderung: Die Turbulenz muss sanft genug sein, um Bohnen nicht zu beschädigen oder Reibungswärme zu erzeugen. Dieses Gleichgewicht zu finden, hat Jahre an Optimierung gekostet.
Das Ergebnis: kürzere Prozesszeiten – statt zehn Stunden eher sechs bis acht Stunden – bei mindestens gleicher, oft besserer Aromaschonung.
Filter-Innovation: mehrstufig, selektiver, smarter
Aktivkohlefilter sind ein Grundpfeiler wasserbasierter Entkoffeinierung. Hanseatic hat hier ebenfalls weiterentwickelt – Details bleiben bewusst geheim, aber in der Branche wird von einem mehrstufigen Filterkonzept gesprochen.
Stell es dir wie Sicherheitskontrollen vor:
- Stufe 1 fängt den Großteil ab
- Stufe 2 holt nach, was durchgerutscht ist
- Stufe 3 ist hochselektiv – und sorgt dafür, dass Koffein sicher entfernt wird, während wichtige Geschmackskomponenten möglichst wenig „mitgenommen“ werden
Auch die Aktivkohle selbst ist ein Thema: Je nach Aktivierung entstehen unterschiedliche Porenstrukturen. Hanseatic nutzt Carbon mit einer speziellen Porenverteilung, die auf die Filterarbeit abgestimmt ist – inklusive sogenannter „bimodaler Porenstruktur“ (zwei optimierte Porengrößenbereiche für unterschiedliche Bindungsaufgaben).
Was passiert konkret mit deinen Bohnen?
Nehmen wir eine Charge kolumbianischen Rohkaffee als Beispiel.
1) Sanfter Start: Conditioning
Wie bei Swiss Water werden die Bohnen zunächst befeuchtet, um die Zellstruktur zu öffnen. Hanseatic macht das jedoch besonders graduell: Feuchtigkeit und Temperatur werden über etwa 30 Minuten langsam hochgefahren, statt die Bohnen sofort mit voller Dampfleistung zu konfrontieren.
Weniger „Thermoschock“, bessere Zellintegrität – und eine Extraktion, die kontrollierter abläuft.
2) Stufenweise Extraktion
Die Bohnen treffen auf coffee-flavoured water (vergleichbar mit „Green Coffee Extract“). Die Temperatur startet bei ca. 85 °C. Zunächst löst sich das leicht erreichbare Koffein – nahe an der Oberfläche, locker gebunden, „bereit zu gehen“.
Mit der optimierten Turbulenz wird dieses Koffein effizient abtransportiert und im Filterkreislauf entfernt, sodass die Koffeinkonzentration im Wasser praktisch niedrig bleibt – der „Sog“ bleibt erhalten.
Nach etwa zwei Stunden: Temperatur hoch auf 87 °C. Dann 89 °C, 91 °C. Jede Stufe mobilisiert Koffein aus tieferen Zellbereichen. Am Ende kurz 92–93 °C, um auch die letzten Anteile zuverlässig zu entfernen.
3) Präzisionstrocknung
Ist der Zielwert erreicht (unter 0,1 % Koffein), folgt die Trocknung – ebenfalls hochkontrolliert. Nicht einfach heißer Luftstrom, sondern ein System, in dem Feuchte, Temperatur und Luftführung getrennt geregelt werden.
Sensoren überwachen den Feuchtegrad der Bohnen in Echtzeit. Je näher sie an 10–12 % kommen, desto feiner regelt das System nach, damit nichts „überschießt“. Keine Risse, kein ungleichmäßiger Feuchteverlauf – einfach konsistent.
Qualitätskontrolle, wie man sie erwartet – und dann noch ein bisschen mehr
Hanseatic lebt das, wofür deutscher Maschinenbau bekannt ist: QC ohne Kompromisse.
Jede Charge wird mehrfach geprüft:
- Vor Prozessbeginn: Baseline-Analyse
- Während des Prozesses: Echtzeit-Monitoring
- Danach: umfassende Kontrollen
Koffein messen sie per HPLC (High-Performance Liquid Chromatography) – extrem präzise, nicht „ungefähr 0,1 %“, sondern messbar bis in feinste Bereiche.
Und es bleibt nicht bei Koffein:
- Chlorogensäuren (wichtig für Struktur & sensorische Qualität)
- Feuchteverteilung innerhalb der Bohne
- Bohnenintegrität (Risse, Schäden)
- Farb- und Strukturchecks
- Cupping-Samples zur sensorischen Freigabe
Wenn eine Charge nicht passt, geht sie nicht raus. Punkt.
Was Röster:innen im Cup merken
Viele Specialty Roasters haben Hanseatic vs. Swiss Water direkt verglichen: gleiche Herkunft, unterschiedliche Entkoffeinierung, Side-by-Side-Cupping.
Die Rückmeldungen sind erstaunlich einheitlich: Beide liefern exzellente Ergebnisse – aber Hanseatic zeigt oft besondere Stärke bei filigranen, aromatischen Profilen.
Vor allem fruchtige und florale Noten bleiben häufig sehr präsent. Eine Q-Grader-Stimme aus Amsterdam beschrieb einen hanseatisch entkoffeinierten Äthiopier sinngemäß: „Ich musste mehrfach aufs Etikett schauen – so klar waren die Beerennoten und die floralen Spitzen.“
Laboranalysen stützen diese Eindrücke: sehr hohe Retention bei Chlorogensäuren und besonders gute Erhaltung bestimmter flüchtiger Aromafamilien (u. a. Ester und Aldehyde), die oft für Frucht- und Blütennoten mitverantwortlich sind.
Nachhaltigkeit: europäisch gedacht
Wie Swiss Water setzt Hanseatic auf geschlossene Kreisläufe und Wiederverwendung – mit einem klaren europäischen Vorteil: kürzere Transportwege für europäische Röstereien.
Dazu kommen:
- Strommix mit wachsendem Anteil an Wind- und Solarenergie
- teils eigene Solarpanels
- starke Wasserwiederverwendung
- Regeneration der Aktivkohlefilter (statt „Wegwerfen“)
- Wärmerückgewinnung und energieeffiziente Gebäudetechnik
Wer als Rösterei CO₂-Fußabdruck und Supply Chain ernst nimmt, findet hier einen echten Pluspunkt.
Bio-Zertifizierung: ein echtes Argument im Markt
Der Hanseatic Water Process ist – wie Swiss Water – für Bio-Kaffee geeignet, weil er ausschließlich mit Wasser und Aktivkohle arbeitet. Damit kann Kaffee seine Bio-Zertifizierung auch nach der Entkoffeinierung behalten.
Gerade im europäischen Markt, und besonders in Deutschland, ist das relevant: Viele Menschen suchen gezielt nach Bio-Decaf – ob Schwangerschaft, Familie, Lifestyle oder einfach konsequent organische Ernährung.
Grenzen und Trade-offs
So gut das Verfahren ist: perfekt ist keine Methode.
- Kapazität: Die Anlage ist kleiner als industrielle Decaf-Giganten, daher selektiver Kundenkreis.
- Kosten: Präzision und Technik machen den Prozess teurer – Hanseatic ist Premium.
- Verfügbarkeit: Bremen ist der Hauptstandort. Außerhalb Europas schrumpft der logistische Vorteil.
Trotzdem: Wer Qualität priorisiert, nimmt diese Trade-offs oft bewusst in Kauf.
Hanseatic vs. Swiss Water
Die Wahrheit: Beide sind hervorragend. Die Unterschiede sind subtil, oft nur im direkten Vergleich erkennbar.
Hanseatic wirkt häufig besonders stark bei:
-
fruchtigen, floralen, hoch aromatischen Kaffees (z. B. Ostafrika)
-
erkennbarer Klarheit in den „High Notes“
Swiss Water punktet vor allem mit:
- jahrzehntelanger Standardisierung über mehrere Standorte
- sehr hoher Verfügbarkeit weltweit
Für europäische Röster:innen ist Hanseatic zusätzlich praktisch: schneller, näher, weniger Logistik.
Wohin sich Hanseatic entwickelt
Hanseatic sammelt fortlaufend Prozessdaten und baut eine riesige Datenbasis auf: Wie reagieren unterschiedliche Origins auf bestimmte Temperaturprofile? Wie beeinflussen Dichte, Varietät, Struktur und Feuchte die optimale Kurve?
Denkbar sind in Zukunft:
- originspezifische Profile (Äthiopien anders als Kolumbien)
- feinere Protokolle für Varietäten
- Übertragung der Profil-Logik auf andere Prozesse im Kaffee (Fermentation, kontrollierte Oxidation, etc.)
Warum Innovation zählt
Der Hanseatic Water Process steht für etwas, das Specialty Coffee voranbringt: die Weigerung, sich mit „gut genug“ zufriedenzugeben.
Statt nur zu kopieren, hat Hanseatic weitergedacht – und echte Innovationen geschaffen: Temperaturprofiling, optimierte Zirkulation, mehrstufige Filtration, kompromisslose QC.
Am Ende profitieren alle: Roaster, Konsument:innen – und Decaf als Kategorie. Denn je besser die Prozesse werden, desto mehr beweist entkoffeinierter Kaffee, dass er nicht „zweite Wahl“ sein muss.
Bremen: Tradition trifft Zukunft
Dass Bremen dieses Kapitel schreibt, passt. Die Stadt war schon immer ein Knotenpunkt für globale Warenströme – und für Kaffee. Seit Jahrhunderten kommt Rohkaffee hier an. Heute passiert in denselben Vierteln etwas, das früher wie Magie gewirkt hätte: präzise, wasserbasierte Entkoffeinierung auf höchstem Niveau.
Deutsche Ingenieurskunst trifft Kaffeehandwerk. Präzision trifft Craft. Innovation trifft Tradition.
Das ist Hanseatic.
Das Fazit
Wenn Swiss Water der Goldstandard ist, ist Hanseatic die Platin-Evolution: bewährte Prinzipien, weitergedacht mit deutscher Präzision.
- Dynamisches Temperaturprofil schützt Aromatik
- Optimierte Zirkulation macht den Prozess effizient
- Mehrstufige Filtration entfernt Koffein zuverlässig und schont Geschmack
- Qualitätssicherung auf Null-Kompromiss-Niveau
Für Röster:innen, die komplexe, aromatische Kaffees entkoffeinieren wollen – insbesondere Profile mit Frucht und Florals – ist Hanseatic eine der spannendsten Optionen in Europa.
Keine Lösungsmittel. Keine Abkürzungen. Nur Wasser, Präzision – und kompromisslose Qualität.
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